The people’s game?

12.06.2012

Autor: BAC-Infomelder   |   Kategorie(n): 50+1, England, Fanszene, Jenseits des Tellerrands

Ein Interview zur Lage der Fankultur in England

 

Gestern hatte die Nationalmannschaft Englands ihr erstes Spiel bei der diesjährigen Europameisterschaft. Zur Situation der britischen Fans hat Matthew Bazell, Anhänger des FC Arsenal, 2008 ein Buch mit dem Titel Theatre of Silence: The Lost Soul of Football geschrieben. Dieses ist inzwischen in der zweiten Auflage (2011) erschienen. Auch eine deutsschsprachige Ausgabe ist  seit vorletztem Jahr erhältlich (Titel: The people’s game? Ein Buch gegen den modernen Fußball).

Anfang Mai hatten wir die Gelegenheit mit dem Autor Matthew Bazell ein Interview zu führen. Für die Vermittlung und für die Hilfe bei der Übersetzung bedanken wir uns bei Henning von Matthews deutschem Verlag (Trolsen in Quickborn). Viel Spaß beim Lesen!

BAC: Hallo Matt, seitdem Du Theatre of Silence: The Lost Soul of Football geschrieben hast, sind ein paar Jahre vergangen. Würdest Du das Buch heute wieder genauso schreiben?

Alles, was bereits im Jahr 2008 im englischen Fussball falsch lief, ist jetzt sogar noch schlimmer geworden. In der 2008er Ausgabe meines Buchs nannte ich den Betrag von 100.000 englische Pfund pro Woche als Maßstab für eine schamlose Gehaltsforderung. In der aktualisierten Fassung (2011, nur in der englischen Originalausgabe verfügbar) waren dann schon Wochengehälter von 200.000 englische Pfund und mehr zu verzeichnen. Auch die Ticketpreise haben seitdem noch mehr angezogen. Sagen wir es also so: Seit der ersten Auflage meines Buches im Jahr 2008 hat sich nichts zum Besseren gewendet.

Du schreibst, dass es mit dem Draft-System der amerikanischen Profiligen sowie einer Transferausgabengrenze  die Möglichkeit gäbe, die Ligen spannender machen. Siehst Du eine realistische Chance auf solche Änderungen?

Anstelle eines Draft-Systems sollten wir den Transfermarkt regulieren, und zwar so, dass kein Verein mehr als 20 Millionen pro Saison für neue Spieler ausgeben darf. Diese Regelung würde Vereine wie Barcelona, Madrid, Chelsea und Manchester City davon abhalten, den Markt zu dominieren. Das große Problem der Bundesliga ist, dass Bayern München, der finanzkräftigste deutsche Verein, in den letzten Jahren die meisten Titel gewonnen hat. In England, Italien und Spanien haben wir das gleiche Problem. In der amerikanischen NFL hingegen läuft es komplett anders. Dort gewinnen immer verschiedene Mannschaften den Superbowl. Regulierungen sind eben manchmal notwendig, damit Fussball spannender und weniger berechenbar wird. Aber um die Frage zu beantworten: Von den großen Fußball-Dachorganisationen ist meiner Meinung nach in nächster Zukunft keine Änderung zu erwarten.

Wie groß ist der Einfluss von Investoren und Sponsoren im englischen Fussball? Gibt es Unterschiede zwischen den großen und den kleineren Vereinen?

Der Unterschied ist riesig. Ein Verein wie Manchester City, dessen Besitzer ein Milliardär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist, kann viele Millionen mehr ausgeben als die meisten anderen Vereine und hat das in den letzten drei Jahren auch so praktiziert. Es ist ein ungleicher Wettbewerb. Der FC Chelsea war 2003, nach der Übernahme durch einen russischen Milliardär, der erste Verein, der nur so mit Geld um sich warf. In England ist die Kluft zwischen wenigen reichen Vereinen und dem großen Rest sehr groß. Es macht den Ausgang einer Meisterschaft vorhersehbarer, als er sein sollte. Wenn man auf die Liste der Meister der englischen Premier League der letzten zwanzig Jahre schaut, dann stehen da nur wenige Namen. Jemand, der viel mehr Geld als ein anderer hat, kann sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch bessere Möbel als der andere für sein Haus leisten.

In England ist das System mit Klubeignern bzw. Mäzenen ja schon ein relativ altes Phänomen. Wird das bei den Fans überhaupt noch diskutiert? Wie nimmt man beispielsweise die ‘Besitzer’ von Swansea im Vergleich zu den beiden Teams aus Manchester wahr?

Würde man die englischen Fans vor die Wahl stellen, gäbe es keinen Zweifel daran, dass sie für das deutsche 50+1-System wären. Aber es gibt keine größeren Diskussionen darüber, und es sieht auch nicht danach aus, dass sich in näherer Zukunft daran etwas ändert. Einige unterklassige Vereine wurden von Fans übernommen, nachdem sie pleite gegangen waren. Hier in England wissen wir manchmal noch nicht einmal, wem ein Fussballverein eigentlich gerade gehört. Ein Vorsitzender mag als Aushängeschild eingesetzt werden, aber wir wissen deshalb oft noch lange nicht, wer im Hintergrund agiert. Das klassische Beispiel ist hier Leeds United. Der Vorsitzende Ken Bates hat sich geweigert, den Medien und den Fans zu sagen, wem der Verein gehört. Ich denke, dass es ausländischen Geschäftsleuten viel zu leicht gemacht wird, englische Fußballclubs zu übernehmen, wobei das auch für die englische Wirtschaft im Allgemeinen gilt. Viele englische Vereinseigner umgehen Steuern, indem sie in Ländern wie der Schweiz angemeldet sind.

Mit den fangeführten Vereinen AFC Wimbledon und FC United of Manchester gibt es eine Art Gegenbewegung. Siehst Du da Erfolgschancen oder ist erfolgreicher Fussball ohne Investoren und Sponsoren unmöglich?

Beide Vereine haben die Erwartungen übertroffen. Was sie bis jetzt erreicht haben, ist wunderbar. Unterklassige Vereine mit Geldsorgen blicken neidisch auf den AFC Wimbledon und den FC United of Manchester. Die Idee eines fangeführten Vereins kommt also erst dann ins Gespräch, wenn Vereinspleiten drohen. Was daran gut ist: Die Fans wissen nun, dass ihresgleichen einen Verein übernehmen und mit relativem Erfolg weiterführen können. Das deutsche Beispiel zeigt uns, dass das auch bei Top-Vereinen erreicht werden kann, aber ich sehe keinen größeren Wandel auf uns zukommen. Die Menschen in England haben die Möglichkeit verloren, wirksam ihren Protest zu äußern und Veränderungen zu verlangen.

Das Lizensierungsverfahren in der deutschen Bundesliga soll gewährleisten, dass die Vereine anständig wirtschaften. Gibt es in England etwas Vergleichbares?

Nein! Wir haben einen freien Markt, was auch bedeutet, dass die meisten Vereine viele Millionen Pfund Schulden haben. Ein Verein wie Portsmouth hat mehr Geld für Spielergehälter ausgegeben, als an Jahresumsatz erzielt wurde! Das ist verrückt! Auch hier ist das deutsche Modell viel besser.

Die UEFA wird 2015 ein sog.  Financial Fair Play (FFP) einführen. Was hältst Du davon? Glaubst Du, dass die UEFA Mannschaften wie Real Madrid oder ManU bei Verstößen tatsächlich für Wettbewerbe sperren würde?

Nun, sollten sie die Regeln brechen, dann wird die UEFA keine andere Wahl haben, als sie zu sperren. Ich halte diese Maßnahme für gut, denke aber, dass sie alleine noch nicht weit genug geht. Wie schon zuvor erwähnt, müsste in Ergänzung dazu das Transfersystem reguliert werden. Aber das Financial Fair Play System könnte auch missbräuchlich genutzt werden. Es wäre etwa zu befürchten, dass der Eigner von Manchester City, dem zugleich eine Fluggesellschaft gehört, den Verein über die Fluglinie mit völlig überzogenen Summen sponsert. Um den Fussball insgesamt fairer und transparenter zu machen, brauchen wir eine Gehaltsobergrenze und einem Maximalbetrag für Transferausgaben. Dann dürfte man letztlich auch  mehr Mannschaften sehen, die oben mitspielen.

In England gibt es Bestrebungen, von den reinen Sitzplatzstadien wieder wegzukommen. Ist es denkbar, dass die zugrundeliegenden Gesetze geändert werden? Wäre das auch der Beginn eines Wandels zum Positiven?

Das würde ich zwar gerne glauben, aber hier wäre erbitterter Widerstand von der Football Association und der Premier League vorprogrammiert. Beide wollen keine Stehplätze, denn das könnte zu reduzierten Ticketpreisen führen. Die meisten englischen Fans würden sich über eine Rückkehr zu Stehplätzen zwar freuen, doch den beiden großen Organisationen wird das egal sein, solange die Fans die überzogenen Preise zahlen, um auf Plastikschalen zu sitzen. Reine Sitzplatzstadien haben nach und nach den Fußball ruiniert und haben mehr als alles andere zu überhöhten Ticketpreisen und fehlender Stimmung im Stadion beigetragen.
Ihr solltet  es in Deutschland nicht für selbstverständlich halten, dass es Stehplätze gibt! Aber genau das macht die deutsche Bundesliga besser als z.B. die Premier League, die Serie A oder die Primera División.

Hast Du schon mal ein Spiel der deutschen Bundesliga besucht? Falls ja: Wie hast Du die Stimmung empfunden?

Bisher noch nicht, aber ich würde das gerne einmal tun. Ich habe mir vorgenommen, einmal in der “Dortmunder Wand” zu stehen. Ich war schon einmal bei einem Länderspiel in Deutschland, und zwar im Jahr 2001 in München, als die Engländer 5:1 gegen Deutschland gewannen. Aber das war bisher meine einzige “praktische” Erfahrung. Was ich aus dem Fernsehen ersehen kann, ist, dass die Stimmung bei euch auf den Stehplätzen durchaus mit unserer Stimmung vor Einführung der Premier League vergleichbar ist. Die Bundesliga erfährt hier in England eine hohe Wertschätzung und viele Fans beneiden euch um das Freiheitsgefühl auf den Stehplätzen und die fairen Ticketpreise. Vor 10 Jahren hätten noch nicht viele Engländer gesagt, dass wir bestimmte Sachen aus der deutschen Bundesliga kopieren sollten. Heutzutage hört man dagegen oft, wie mit neidvollem Blick über die deutsche Fussballkultur gesprochen wird.

Das Interview führte BAC-Mitglied “Sandale”.

Wer Interesse an Matthew Bazells Buch gefunden hat, kann es sich hier bestellen:

Englisches Original:
http://www.amazon.co.uk/Theatre-Silence-Matthew-Bazell/dp/190349057X

Deutsche Übersetzung:
http://www.amazon.de/Peoples-Game-gegen-modernen-Fußball/dp/3981264967