Hansi Küpper im Interview (Teil 2)

17.05.2013

Autor: BAC-Infomelder   |   Kategorie(n): BAC, England, Fanszene, Politik

Liebe Clubfans,

im zweiten Teil des Interviews mit Hansi Küpper geht es um den “Modernen Fußball“: Hansi betrachtet u. a. die Verhältnisse in Deutschland und England, spricht über die Marktmacht der Scheichs, Konzerne und Milliardäre und über die Wichtigkeit der 50+1-Regel. Wir wünschen abermals viel Spaß beim Lesen.

In den Medien taucht im Moment immer wieder das Schlagwort „moderner Fußball“ auf. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Die Diskussion um den „modernen Fußball“ ist ähnlich gelagert wie die um Tradition bzw. Traditionsvereine: In Fankreisen ist das Schlagwort „moderner Fußball“ ja eine Art Schimpfwort geworden. Dafür habe ich allerdings nur wenig Verständnis. Solange die Stehplätze bezahlbar bleiben, habe ich kein Problem mit VIP-Logen. Ich habe auch kein Problem damit, dass der Großteil der Spieler heutzutage nicht mehr aus der jeweiligen Region, sondern aus dem Ausland stammt und zum Teil zwei Millionen und mehr verdient – solange die Jungs sich so verhalten, dass sie ihren jeweiligen Verein würdig vertreten. Auch finde ich es in Ordnung, wenn Eintrittspreise steigen, solange die Erhöhungen in einem gewissen Rahmen bleiben. Ich finde also, dass solche Entwicklungen, die unter dem Schlagwort „moderner Fußball“ zusammengefasst werden, nicht per se „böse“ sind.

Wenn es aber nicht mehr um den Sport an sich geht, wenn der Fußball zur Nebensache verkommt und nur noch die Interessen von Werbeleuten, Konzernen oder dem Staat im Mittelpunkt stehen, dann haben wir verloren. Solange es beim „modernen Fußball“ aber nur darum geht, die Faszination des Sports dazu zu nutzen, Kunden zu erschließen, ist das völlig in Ordnung. Um es aber noch einmal deutlich zu sagen: Das Grundprinzip muss immer lauten „Der Sport kommt zuerst!“. Erst wenn der Fußball zur Nebensache wird, habe auch ich ein Problem mit dem „modernen Fußball“


Rudi Völler sprach im Doppelpass davon, dass es gerecht sei, dass Bayer Leverkusen vom Pharmakonzern Bayer 25 Mio. Euro pro Jahr erhält, da der Verein gegenüber München, Dortmund und anderen hinsichtlich der Zuschauerzahlen im Nachteil sei. Der Betrag gleiche dies nur aus. Was halten Sie von dieser Aussage?

Zunächst einmal muss man sich fairerweise ins Gedächtnis rufen, dass Bayer Leverkusen ein Sonderfall ist, weil dieser Club zu den beiden Vereinen gehört, denen die Deutsche Fußballiga bei Ihrer Gründung im Jahr 2000 hinsichtlich der „50+1-Regelung“ ausdrücklich besondere Konditionen eingeräumt hat. Grundsätzlich finde ich die Argumentation von Rudi Völler allerdings schräg. Es gibt nun mal große Vereine, die seit Jahrzehnten tausende Menschen anziehen und begeistern, die etliche Fans haben, die wirklich mitfiebern und auf den Rängen für die Atmosphäre sorgen, die wir am Bundesligafußball so lieben. All diese Clubs haben sich im Laufe der Jahre natürlich einen Standortvorteil erarbeitet. Folgt man Völlers Argumentation, würde das bedeuten, dass all die anderen Vereine, denen es in den letzten Jahrzehnten eben nicht gelungen ist, diese Faszination zu wecken und die sich diesen Standortvorteil folglich nicht aufbauen konnten, ihren Wettbewerbsnachteil nun einfach dadurch kompensieren, dass sie sich einen reichen Investor ins Boot holen. Das hieße, die unzähligen Menschen, die die Traditionsvereine durch ihr Herzblut und durch ihre Verbundenheit zu dem gemacht haben, was sie sind, einfach durch das Geld eines Milliardärs hier oder eines Konzerns da zu ersetzen. Eine solche Argumentation halte ich für absurd und ich meine, Rudi Völler hätte besser daran getan, zu sagen: „Wir von Bayer Leverkusen spielen auch schon seit Jahrzehnten in der Bundesliga und haben deswegen – genau wie der VfL Wolfsburg – eine Sondergenehmigung bekommen, als die DFL gegründet wurde.“ Eine solche Aussage wäre auf deutlich mehr Verständnis gestoßen, weil man dann sagen könnte „Okay, Leverkusen und Wolfsburg haben diese Sonderregelungen aufgrund ihrer Geschichte bzw. Struktur bekommen, aber allem, was nun kommt, stehen wir mit höchster Abwehrbereitschaft entgegen.“


Sind Vereine wie der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim oder Red Bull Leipzig eine Gefahr für den Fußball, wie wir ihn kennen und lieben?

Die Frage geht ja in dieselbe Richtung, die wir gerade besprochen haben. Ich glaube, dass wir uns über all diese Geschichten keine Gedanken machen müssten, wenn die Situation so geblieben wäre, wie sie vor der Saison 2007/08 war. In diesem Jahr hat sich der VfL Wolfsburg nämlich strategisch völlig neu ausgerichtet und damit begonnen, seinen Wettbewerbsvorteil, den er dank der Millionen des VW-Konzerns hat, gnadenlos auszunutzen. Dass das nicht zum Wohle des Fußballs geschehen ist, hat sogar Rudi Völler – also ein Repräsentant von Bayer Leverkusen (!) – relativ deutlich angemerkt. Obendrein ist im Jahr 2008 auch noch die TSG Hoffenheim aufgestiegen.

Ich meine, dass zwei Vereine, die sich nicht über die Verbundenheit der Menschen, sondern über die dahinterstehenden Konzerne definieren [gemeint sind Lev und Wob], gerade noch akzeptabel waren. Nun ist mit Hoffenheim aber ein dritter Verein hinzugekommen, sodass nun an einem typischen Bundesligaspieltag schon bei drei von neun Partien Clubs mitspielen, die ihr Geld nicht selbst verdienen. Und wenn man nun bedenkt, dass auch der FC Ingolstadt zu seinem zehnjährigen (!) Vereinsjubiläum 2014 in der Bundesliga spielen möchte und dass auch Red Bull aus reinen Marketinggründen eine Mannschaft in der Ersten Liga platzieren will, dann wird’s langsam richtig eng. Um dies zu erkennen, genügt ja schon ein Blick auf die Zeitungsauflagen oder die TV-Quoten zu den einzelnen Spielen, die Sky zum Teil veröffentlicht.

Das Verrückte ist ja, dass sich die DFL selbst bewusst die 50+1-Regel geben hat und die UEFA im Augenblick ganz massiv für ein „Financial Fairplay“ eintritt. Es sind also nicht nur die „Traditionalisten“, sondern auch die Verbände selbst, die in der gerade skizzierten Entwicklung eine Gefahr erkennen! Wenn eine Regel wie „50+1“ aufgeweicht wird, dann bedeutet das, dass Milliardäre die gesamte Bundesligalandschaft schreddern können. Scheich Mansour, seit 2009 Besitzer von Manchester City, verfügt angeblich über ein Familienvermögen von 200 Milliarden. Für so einen ist es kein Problem, einem Fußballverein 25 Millionen im Jahr zu überweisen [siehe hierzu auch folgenden Welt-Artikel]. Milliardäre und Großkonzerne könnten innerhalb kürzester Zeit die gewachsenen Vereine in der Bundesliga verdrängen und ersetzen, wenn sie Lust dazu haben und man sie nicht über Regelungen wie 50+1 in die Schranken weist. Ich finde es also völlig in Ordnung, dass die DFL die 50+1-Regelung hat und die UEFA seit neustem auf „Financial Fairplay“ pocht.


Gibt es Gefahren für die 50+1 Regel? Man musste zum Beispiel vor wenigen Wochen über 1860 München lesen, dass Präsident Schneider nicht mehr antritt und sein designierter Nachfolger erst einmal in Abu Dhabi zu einem Antrittsbesuch vor der Wahl beim Investor erscheinen muss. Wie sehen Sie das?

Die 50+1-Regel steht insbesondere deshalb auf wackligen Füßen, weil man sie zum Teil nur schwer konkret fassen kann: Man kann, wie im Fall von 1860 München, nur ganz schwer sagen: „Hier ist die Grenze, hier wird die Regel nicht mehr eingehalten!“ Anderes Beispiel: Luiz Gustavo wurde im Januar 2011 von Dietmar Hopp eigenhändig von Hoffenheim nach München verkauft und zwar ohne, dass der Trägerverein und der damalige Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick etwas davon wussten. Die Dortmunder haben das Verhalten von Hopp damals völlig zu Recht als Verstoß gegen die 50+1-Regel kritisiert.
Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist natürlich die, wie hartnäckig ein Verstoß gegen die 50+1-Regel geahndet wird. Wir brauchen in dieser Hinsicht ein öffentliches Bewusstsein und entschlossene Funktionäre, die solche Regelverstöße benennen und anprangern. Gerade die Medien sind an dieser Stelle in der Pflicht. Die Regelung muss den Verantwortlichen und Fans eine Herzensangelegenheit sein, weil nur 50+1 garantiert, dass Fußballvereine in erster Linie Fußballvereine und nur in zweiter Linie Wirtschaftsunternehmen bleiben. Natürlich wird es immer Leute wie die Macher in Hoffenheim oder bei 1860 München geben, die diese Regelung abschaffen oder umgehen wollen, aber eigentlich bin ich recht zuversichtlich, dass es genügend Fans, Journalisten und Funktionäre gibt, die die Regel im Interesse des Fußballs verteidigen werden.


Was macht für Sie sowohl in sportlicher, als auch in wirtschaftlicher Sicht den Unterschied zwischen dem englischen und deutschen Fußball aus?

Der entscheidende Unterschied ist der wirtschaftliche Aspekt: Dank der 50+1-Regel ist es in Deutschland immer noch so, dass ein Fußballverein in erster Linie tatsächlich auch ein Fußballverein ist und mit dem Fußball sein Geld verdienen muss. Die englischen Vereine haben hingegen irgendwann damit angefangen, buchstäblich ihre Seele zu verkaufen und Geld von überall anzunehmen, egal woher es kommt. Die würden zur Not auch ihren Supercup in China ausspielen. Obendrein haben sie die Preisschraube für Eintrittskarten unfassbar angezogen. Nachdem die Stehplätze in Folge der Hillsborough-Katastrophe 1989 in England abgeschafft wurden, hat man systematisch das Publikum ausgetauscht. Heute sind die Eintrittspreise auf der Insel ungefähr 3 Mal so hoch wie bei uns, das Publikum ist – soweit ich weiß – im Schnitt zwölf Jahre älter als in Deutschland und die Stimmung ist… relativ erbärmlich.

Allerdings ist es schon interessant, dass ausgerechnet diese Vereine mit ihren Scheichs im Hintergrund im Moment auch sportlich hinterherhecheln. Bisher konnten die Entwicklungen in Großbritannien ja wenigstens damit gerechtfertigt werden, dass sie über Jahre hinweg – teilweise sogar mehrere – Vereine im Champions League Halbfinale oder Finale hatten; der sportliche Erfolg hat ihnen also gewissermaßen rechtgegeben. Wenn es sportlich aber weiter bergab geht, dann kann ich mir gut vorstellen, dass auch in England einige Grundsatzfragen in Hinblick auf Fehlentwicklungen gestellt werden. Früher, in den 60er und 70er Jahren, war England wegen der Euphorie, der Verbundenheit, der Leidenschaft, dem Herzblut seiner Anhänger immer der Inbegriff einer geilen Fanlandschaft. Inzwischen ist es so, dass die Engländer, die den Fußball wirklich lieben, mit großer Bewunderung nach Deutschland gucken [Siehe hierzu auch unser Interview mit Matthew Bazell]. Ich meine ohnehin, dass der deutsche Fußball in vielfacher Hinsicht als ein Musterbeispiel in Europa gelten kann.

Michele Platini hat die Entwicklung in England richtig zusammengefasst: „Sie haben keine englischen Präsidenten mehr, sie haben keine englischen Trainer mehr, sie haben kaum noch englische Spieler und irgendwann wollen sie noch nicht mal mehr in England spielen.“ Eine solche Entwicklung im Mutterland des Fußballs ist doch absurd!

 Die anderen Teile des Interviews findet ihr hier: Teil 1Teil 2Teil 3