Hansi Küpper im Interview (Teil 1)

06.05.2013

Autor: BAC-Infomelder   |   Kategorie(n): Fanszene

Liebe Clubfans,

wenn es in den letzten Monaten einen Medienschaffenden gab, der uns Fans im Zusammenhang mit den Themen “Moderner Fußball” und “Sicherheitskonzept”  positiv aufgefallen ist, dann war das sicher der Radio- und Fernsehkommentator Hansi Küpper. So sprach er sich beispielsweise innerhalb einer Sport1-Gesprächsrunde (das Video hier) gemeinsam mit unserem Aufsichtsrat Ralf Peisl gegen die verzerrten Vorstellungen eines Rainer Wendt (“Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr.“) aus oder bot dem damaligen Manager der TSG HoPPenheim im Sport1-Doppelpass die Stirn (Auschnitt “Was ist ein Traditionsverein?” hier).

Wir hatten das Glück und die Freude, mit ihm ein langes Interview führen zu dürfen, das wir Euch in den nächsten Wochen in drei Teilen auf unserer Seite präsentieren wollen.

Im ersten Teil des Gesprächs geht es u. a. um das Fan-Dasein des 52-Jährigen Esseners, um die Frage, ob er sich als Familienvater bei seinen Stadionbesuchen sicher fühlt und darum, einen Traditionsverein zu definieren. Viel Spaß beim Lesen!

BAC: Wie war Ihr Werdegang als Moderator?

Als ich 1989 mein Volontariat beendet hatte, hatte ich das Glück, dass gerade der legendäre Kurt Brumme beim WDR ausgeschieden ist und der WDR infolgedessen die Nachwuchsschulung stark intensiviert hat. Ich durfte als einer von 600 Bewerbern bei einem Auswahlverfahren mitmachen, habe probeweise Fußballspiele auf dem alten Tivoli in Aachen kommentiert und hatte am Ende (wieder) Glück, dass Dietmar Schott, der Nachfolger vom Kurt Brumme, mich genommen hat.

In der Folgezeit war ich 6 oder 7 Jahre lang WDR-Hörfunkreporter. Anschließend bin ich nach München zum DSF gegangen. Allerdings geht es in der Fernsehwelt recht turbulent zu: Inzwischen habe ich sechs- oder siebenmal den Sender gewechselt – zumeist nicht, weil ich wollte, sondern weil ich musste.

BAC: Hatten Sie in Zusammenhang mit dem 1. FC Nürnberg Momente, die Sie nicht vergessen werden?

Da fällt mir der legendäre letzte Spieltag der Saison 1998/99 ein. Für Sky war ich als Interview-Reporter im Frankenstadion. Ich war gerade auf der Tartanbahn, als ich erfuhr, dass Frankfurt 4:1 in Führung gegangen ist. Da habe ich halb zu mir, halb zu Friedel Rausch gesagt „Das gibt’s doch gar nicht!“. Friedel Rausch wendete sich zu mir und fragte, was denn los sei; ich sagte „4:1 für Frankfurt, ihr seid raus“. Just in diesem Moment hat der Glubb das 1:2 gemacht und ich sagte zu ihm „Ihr seid wieder drin!“. Das waren diese völlig verrückten Momente an einem Tag, an dem der Fußball völlig verrückt gespielt hat.

Außerdem erinnere ich mich daran, wie Borussia Dortmund 1976 die Aufstiegsrunde der 2. Liga gegen den FCN bestritten hat. Ich bin gemeinsam mit Dieter Müller zum Spiel nach Dortmund gefahren. Er hatte gerade erst [im März 1976] einen Sohn bekommen, der auf den Namen Lars getauft wurde. Nun ja, und dieser Lars Müller hat später nicht nur in Dortmund [1995/96] in der Bundesliga gespielt, sondern stand zwischen 2001 und 2006 auch für den 1. FC Nürnberg auf dem Platz.

BAC: Haben Sie selbst eine Fanvergangenheit?

Natürlich! Ich bin in der Gegend von Dortmund groß geworden, bin also von Kindesbeinen an BVB-Fan. Als 11-Jähriger habe ich geweint, als wir abgestiegen sind [Saison 1971/72] und als 15-Jähriger habe ich abermals geweint, als wir uns in der Relegation 1976 gegen den Glubb durchsetzen konnten und wieder aufgestiegen sind: Als der BVB das 3:2 in der Schlussphase des 2. Relegationsspiels gemacht hat, habe ich allerdings vor dem Stadion auf dem Parkplatz gesessen – wenn es richtig ernst wurde, war ich meistens zu nervös, um es mir anzusehen.

Von da an hatte ich im Westfalenstadion eine Dauerkarte. Auch wenn mein Enthusiasmus in den 80er Jahren etwas weniger geworden, lässt einen der Lieblingsverein ja zeitlebens nicht mehr los – vor allem wenn man wie ich schon als Sechsjähriger dort war. Unlängst erst war ich mit der ganzen Familie, also mit fünf Personen, drei Tage in Malaga [wo der BVB im Viertelfinale der Champions League gespielt hat].

BAC: Fühlen Sie sich beim Stadionbesuch sicher? Macht es für Sie dabei einen Unterschied, ob Sie als Reporter oder als Privatperson ins Stadion gehen?

Egal, ob ich als Kommentator oder als normaler Besucher ins Stadion gehe, fühle ich mich gnadenlos sicher! Das lächerlichste, was ich im Zusammenhang mit der „Sicherheitsdebatte“ gehört habe – übrigens von Herrn Wendt –,  war der Satz „Früher, als ich noch ein junger Polizist in Duisburg war, da waren das wunderschöne Zustände, alles war friedlich.“ Wer wie ich in den 70er Jahren in den Stehplatzkurven gestanden hat, der weiß, dass das eine Vergangenheitsverklärung sondergleichen ist. Nicht jetzt, sondern in den 70er Jahren war es wirklich richtig gefährlich, ins Stadion zu gehen: Damals konnte nämlich jeder Heimfan ungestört in den Gästeblock gelangen. Und wenn man bedenkt, dass die Leute schon mal mit Schlagketten am Gürtel und ähnlichem ins Stadion gekommen sind, kann man sich vorstellen, wie es da zum Teil zugegangen ist. DAS war hochgefährlich!

Natürlich sollen solche Geschichten keine Rechtfertigung dafür sein, heutige Missstände schönzureden, aber man darf einfach nicht zulassen, dass die Vergangenheit verklärt wird, um die Gegenwart zu dramatisieren.

Und auch wenn ich mich im Stadion absolut sicher fühle, bin ich mir gleichwohl darüber im Klaren, dass es  im Umfeld von Fußballspielen immer wieder – teilweise wie aus dem Nichts –  zu Situationen kommt, wo es plötzlich gefährlich werden kann. Das habe ich etwa  nach dem Pokalfinale 2010 [Bayern gegen Bremen] erlebt. Allerdings ärgert es mich, dass so etwas dann immer dem Fußballsport angelastet wird. Als gäbe es in anderen Bereichen der Gesellschaft nicht auch Situationen, in denen es von einer Sekunde auf die andere zu Schlägereien oder ähnlichem kommt. Man denke nur an Volksfeste.

Letztlich bin ich der festen Überzeugung, dass die Sicherheit im Stadion heute so groß ist wie nie zuvor.

BAC: Was ist für Sie ein Traditionsverein?

Das ist eine Frage, die für mich deswegen unheimlich schwierig zu beantworten ist, weil Tradition ein extrem komplexes Phänomen ist. Aber sagen wir mal so: Wenn ich die Fotos im Presseraum des 1. FC Nürnberg anschaue und darauf die gigantischen Zuschauermassen, die schon vor 50, 60, 70 Jahren zum Glubb gekommen sind, und die große Euphorie und die große Leidenschaft der abgebildeten Menschen sehe, dann weiß ich, dass hier ein großer Traditionsverein unterwegs ist.
Oder nehmen wir Borussia Mönchengladbach: Obwohl der Verein das letzte Mal in 1970ern etwas gewonnen hat [Uefa-Cup-Sieger 1979; den DFB-Pokal-Sieg 1995 hat Hansi wohl übersehen ;-) ], sind 10.000 Fans im Februar zum Uefa-Cup-Auswärtsspiel nach Rom mitgefahren. An diesen 10.000 Menschen erkennt man, dass Gladbach ein Traditionsverein ist. Solche Vereine müssen in den Zwischenjahren keine Titel gewinnen, um die Menschen zu bewegen.

Unterm Strich ist ein Traditionsverein ein Club, der es zum einen irgendwann geschafft hat, einer größeren Menge von Menschen etwas zu bedeuten und der es darüber hinaus fertig gebracht hat, dass diese Liebe über Generationen hinweg fortgetragen wird; getreu dem Motto: Tradition bedeutet nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.
Oft wird in der Diskussion um das Thema „Traditionsvereine“ zwischen Realisten und Traditionalisten unterschieden. Ich sehe mich als Traditionalist. Wenn ich einen rappelvollen Gästeblock sehe oder wenn ich sehe, dass die Zeitungen 4 oder 5 Tage vor einem Spiel bereits mit der Berichterstattung über diese Partie beginnen, dann weiß ich, dass ein Traditionsverein spielt. Ich würde also sagen, dass diejenigen Traditionalisten sind, die die Faszination des Fußballs definitiv richtig erklären. Zu den Realisten gehören hingegen diejenigen, die uns zu erklären versuchen, warum leere Gästekurven und Spiele, für die sich kaum jemand interessiert, den Fußball der Neuzeit darstellen. Das Schöne ist, dass wir Woche für Woche in fast jedem Stadion fantastische Argumente gegen diese selbsternannten Realisten geliefert bekommen. Allerdings scheinen diese Leute, die den Fußball überhaupt nicht verstehen, leider Gottes unbelehrbar zu sein.

Die anderen Teile des Interviews findet ihr hier: Teil 1Teil 2Teil 3