Jenseits des Tellerrands: Anstoßzeiten II

21.03.2012

Autor: BAC-Infomelder   |   Kategorie(n): BAC, Fanszene, Jenseits des Tellerrands

Der zweite Teil unseres “Jenseits des Tellerrands: Anstoßzeiten“-Spezials beschäftigt sich mit denjenigen, die besonders unter der Zerfledderung des Spieltags leiden, nämlich den guten Seelen, die für uns die Auswärtsfahrten organisieren.

Was es für die Organisatoren von Auswärtsfahrten bedeutet, dass sie für eine Reihe von möglichen Terminen planen müssen, haben uns Heike von Bengerdsraddsn und Grötschoff von den Besessenen, Königstein im Interview erzählt:

Ihr organisiert ja schon seit vielen Jahren Auswärtsfahrten: Wie hat sich die Organisation in den letzten Jahren verändert?

Heike: Wenn die Herrschaften der DFL wieder mal nicht in die Puschen kommen und sich mit der Terminierung der Spieltage ewig Zeit lassen, wirds schwierig, weil man dann unterschiedliche Kartenmengen für alle drei möglichen Tage bestellen muss und beinahe schon hellseherische Fähigkeiten verlangt sind: Am Samstag können die meisten Leute mitfahren, am Sonntag werdens schon weniger, und am Freitag müssten viele Urlaub nehmen.
Ein wenig mehr Rücksichtnahme und Verständnis für den “gemeinen Fußballfan” wäre da schon wünschenswert, aber leider sind wir Auswärtsfahrer im Vergleich zum Fernsehpublikum nur eine winzig kleine Gruppe.
Außerdem verstehen wir manchmal nicht, nach welchen Kriterien terminiert wird – z.B.  wieso der Club immer sonntags in Köln spielen muss. Ob man auf ne entsprechende Frage wohl eine Antwort bekommen würde? Mal ausprobieren, ich glaubs eher nicht, Standardantworten hab ich schon so viele bekommen, dass ichs mir schenke, da hinzuschreiben.

Grötschoff: Viele Dinge haben sich in den letzten Jahren verändert, sodass es insgesamt nicht mehr so einfach ist, Auswärtsfahrten zu organisieren. Auch wenn das nicht heißen soll, dass es unmöglich geworden ist!
Man versucht den Fahrpreis so niedrig wie möglich zu halten, jedoch bedenken viele nicht, dass Spritpreise, die Vergütung der Busfahrer und auch die Fixkosten der Busunternehmer stetig steigen. Hinzu kommt die enorme Erhöhung der Eintrittskartenpreise in vielen Stadien. Man kann sich noch an Zeiten erinnern, da kostete die Stehplatzkarte 7,-DM bis 13,-DM und eine Busfahrt zwischen 15,-DM und 35,-DM. Heute schlagen Stehplatzkarten mit 13,- € bis 17,- €, Busfahrten mit 15,- € bis zu 60,- € zu Buche. Das liegt bestimmt nicht nur an der Euro-Umstellung oder der Inflation! Nebenbei sollte man auch die Vorverkaufsgebühr erwähnen: In Nürnberg liegt diese bei 10% – obendrauf kommt die aus meiner Sicht kuriose „Hinterlegungsgebühr“ i. H. v. 2,-€.

In den Stadien der  2. Liga wird ja zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten (17:30, 18:00, 13:00, 13:30, 20:15 Uhr) angepfiffen. Wie war es da mit der Organisation, als auch unser Glubb in dieser Liga kicken musste?

Heike: Da der Club zu Zweitligazeiten zu den “attraktiven” Mannschaften gehört hat, war ich immer in Sorge, dass wir ein Montagsspiel auswärts bekommen. Wenn man sich zum Ziel gesetzt hat, zu jedem Spiel mindestens einen Bus zu machen, tut das dann schon weh, wenn zwar alle gern fahren würden, aber die meisten nicht können… Grundsätzlich ist alles außer Samstag eher schwierig umzusetzen.

Grötschoff: Sehr schwierig! Ich bin froh, dass uns dieses harte Los im Moment erspart bleibt. Hochachtung an alle Organisatoren und Fans der Zweitligisten, die zu jedem Auswärtsspiel eine „schlagkräftige“ Truppe zusammenbekommen. In unseren letzten Zweitligajahren war es uns oftmals überhaupt nicht möglich, eigene Busse zu organisieren, da es für viele arbeitsbedingt oder aus familiären Gründen einfach unmöglich war, den Glubb auswärts zu unterstützen. Die wenigen, die es zeitlich einrichten konnten,  sind dann zumeist mit Fanclub übergreifenden Bussen oder mit dem Supporters Club zum Zielort gekommen.
Allerdings sind auch die Sonntagstermine der 1. Liga – zumal im Winter –  schlecht zu handhaben. Zum Schmunzeln bringt mich in diesem Zusammenhang immer wieder, dass die DFL ja mal bekannt gegeben hat, dass man sich bei der Spieltagsfestlegung an einen 300km Radius halten würde…

Ist es Euerer Meinung nach schwieriger geworden, seinen Verein auswärts zu unterstützen?

Heike: Im Hinblick auf das Service-Center des FCN nicht – da kann ich nur Gutes berichten. Sehr schwierig war allerdings die Zeit, als es als Strafmaßnahme die personalisierten Karten gab… verständlich, dass man gewissen Leuten einen Denkanstoß geben wollte, aber für den Großteil der Fans, die mit den Vorkommnissen, die zu den Maßnahmen geführt haben, nichts zu tun hatten, wars ein Schlag ins Gesicht. Und für diejenigen, die Karten bestellen mussten, wars Horror – und das dreifache an Arbeit.

Grötschoff: Zunächst darf man nicht vergessen, dass vielen Menschen ihr Verein das wichtigste im Leben ist und dass sich an Spieltagen auch ein Großteil ihres sozialen Umfelds rund ums jeweilige Stadion aufhält. Bedenkt man nun aber die erwähnten Preissteigerungen und beispielsweise auch, dass viele neue Arenen irgendwo außerhalb der Städte auf einen schwierig zu erreichenden Acker gestellt werden, muss man schon sagen, dass es immer schwieriger wird, auswärts zu fahren. Zwar ist es noch nicht so weit, dass man sich Auswärtsspiele bzw. Stadionbesuche im Allgemeinen nicht mehr leisten kann, aber dennoch ist die Preisentwicklung für mich der reine Horror! Dabei muss man sich vor Augen führen, wo das Geld landet, nämlich in den Taschen der Funktionäre und Verbände bzw. der Spieler und deren Berater. Herz und Seele des Volkssports Fußball gehen immer mehr verloren.

Eine Vereinheitlichung der Anstoßzeiten und eine frühere Terminierung der Spiele wären sicherlich hilfreich, sind aber ziemlich unrealistisch. Was würde euch – von diesen Punkten abgesehen – sonst noch bei der Organisation helfen?

Heike: Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob es nicht nur ein Gerücht ist, aber es hat mal geheißen, dass bei der Terminierung darauf Rücksicht genommen würde, dass die Heimorte der Vereine nicht allzu weit auseinanderliegen. Wenn man das einhalten würde, wäre es absolut hilfreich! Nur als Beispiel: Im Winter, Freitag nachmittag, wenn eh alle Autobahnen verstopft sind, ins knapp 500 KM entfernte Hannover heizen zu müssen,  ist äußerst nervenaufreibend! Da darf es keinen Stau geben, wenn man rechtzeitig zu Spielbeginn am Ziel sein will.

Grötschoff: Am allerhilfreichsten wäre es, wenn die Spieltage einschließlich der Anstoßzeiten rechtzeitig terminiert würden! Außerdem sollten “ungemütliche” Termine wie Freitag Abend gerecht auf ALLE Vereine verteilt werden.

Darüber hinaus sind die sehr hohen Parkgebühren zu kritisieren, die oftmals einfach nur noch unverschämt teuer sind!  Außerdem ärgern einen auch diese unnötigen Bezahlkarten: Oftmals ist die Rücknahme der Karten nach Spielende vom Heimverein bzw. dem Betreiber so unprofessionell organisiert, dass man die Rückfahrt erst viel später als geplant antreten kann.

Bei unseren Freunden aus Gelsenkirchen gibt es eine Kartentauschbörse für Fans und Fanclubs. Würdet ihr so etwas hier begrüßen?

Heike: Im Glubbforum und auf Facebook gibt es ja schon Ticketbörsen, insofern kommt man auch so ganz gut klar.

Grötschoff: Ich selbst bin bereits seit langem dafür, dass wir in Nürnberg eine Kartentauschbörse bekommen. Zwar habe ich bisher immer nur an eine Börse für offizielle Fanclubs sowie Fanorganisationen gedacht, aber wenn die Schalker eine Plattform für alle Fans hinbekommen, sollte so etwas doch auch bei uns machbar sein!

Habt ihr das Gefühl, der DFB/die DFL wollen lieber ein Eventpublikum als ein aktives Fanwesen?

Heike: Möglicherweise … wenn jeder Pups, den ein Fußballfan lässt, gleich zum Skandal aufgebauscht wird (Danke auch an die  Presse), hat man manchmal schon das Gefühl. Damit meine ich jetzt aber nicht wirklich üble Vorkommnisse oder berechtigte Stadionverbote!
Aber es scheint Vereine zu geben, die so etwas tatsächlich anstreben – und sich dann wundern, dass keine Stimmung rüberkommt und kaum noch einer anfeuert. Wenn man nur auf Geld und Prominenz in den Logen aus ist, muss man sich nicht wundern, wenn das “gemeine Klatschvieh” mal zuhause bleibt oder irgendwann resigniert. Aber da ist der Club noch ein ganzes Stück weit weg davon, gottseidank. Vielleicht kriegt aber auch jeder Verein die Fans, die er verdient …

Grötschoff: Die Tendenz geht eindeutig in diese Richtung. Der rote Verein aus dem Süden ist ja das beste Beispiel dafür. Für die ist wichtig, dass sehr viele verschiedene Fans über das Jahr hinweg das Stadion besuchen und anschließend mit vollen Tüten nach Hause gehen. Wie jeder weiß, merkt man dies an der Stadionatmosphäre.
Ein weiteres Beispiel hierfür sind die Heimspiele der Nationalmannschaft. Die Spiele der Nationalmannschaft sind in puncto Stimmung einfach zum Einschlafen – da bringt auch eine gekaufte Choreographie vom „Fanclub Nationalmannschaft“ nichts!
Unterm Strich habe ich den Eindruck, dass es dem DFB und der DFL nur darauf ankommt, ihren Umsatz und ihre Gewinne jedes Jahr zu steigern – und wir „normalen“ Fans sind ihnen dafür wohl zu wenig zahlungskräftig und deshalb anscheinend überflüssig.

[Die innerhalb des Interviews getätigten Aussagen spiegeln selbstverständlich nicht zwangsläufig die Meinung des BAC oder seiner Mitglieder wieder.]