Der Stadionbesuch(er) als Sicherheitsrisiko

15.08.2012

Autor: Sandale   |   Kategorie(n): Fanszene, Politik

Der Stadionbesuch(er) als Sicherheitsrisiko – Stellungnahme zu einer
unsinnigen Diskussion

Die letzte Saison endete für die mediale Öffentlichkeit mit dem Eindruck, dass Stadion-besuche nichts wesentlich anderes seien, als Kurztrips in Bürgerkriegsregionen. Von “massiven Ausschreitungen” und “bürgerkriegsartigen Zuständen” war die Rede. Begleitet wurde dies von den eilfertigen Bemühungen der Sicherheitspolitiker aller Parteien, Aktivität zu zeigen und heraus kamen letztlich unschöne Politikvorschläge, die von vielem Zeugnis abgaben, aber sicherlich nicht vom notwendigen Sachverstand.

Um eines klar zu stellen, jeder Verletzte ist einer zu viel. Allerdings sollte die Diskussion aus unserer Sicht doch versachlicht werden. Zum einen waren der erste Spieltag der zweiten Bundesliga und auch die der unteren Ligen weder von großen Ausschreitungen begleitet, noch scheint der Stadionbesuch so gefährlich zu sein, wie es uns interessierte Stimmen glauben machen wollen. Dankenswerterweise hat schwatzgelb die Zahlen einmal zusammengestellt.

Mehr als 17,5 Millionen Menschen haben in der Saison 2010/2011 die Spiele der ersten und zweiten Bundesliga besucht. Nach Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei wurden dabei 846 Personen verletzt, wobei die Statistik die Verletzungsursache nicht explizit ausweist. Das entspricht einem Anteil von rund 0,005 Prozent. 6.061 Fußballfans (0,035 Prozent) wurden im Laufe der Saison vorläufig fest- oder in Gewahrsam genommen, gegen fast ebenso viele Stadionbesucher (5.818 bzw. 0,033 Prozent) wurden Strafverfahren eingeleitet. Wie viele davon letztlich zu einer Verurteilung führen, ist nicht bekannt. Die Anzahl der von der Polizei zu leistenden Einsatzstunden ist in den letzten zwei Jahren sogar um mehr als 25 Prozent gesunken. Interessante Vergleichs-Details am Rande: In Innenminister Friedrichs Heimat-Freistaat kam das Münchner Oktoberfest im vergangenen Jahr bei nur rund sieben Millionen Besuchern auf immerhin 10.322 Verletzte, das sind mehr als 600 verletzte Personen an jedem einzelnen „Spieltag“. Und von rund 82 Millionen Bundesbürgern wurden im selben Jahr knapp 400.000 Menschen im Straßenverkehr verletzt, also 0,5 Prozent. Als Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer am Straßenverkehr teilzunehmen, ist damit etwa 100mal gefährlicher als das Stadion unseres Lieblingsvereins. Und trotzdem fahren Familien immer noch unbesorgt gemeinsam in den Sommerurlaub.

 

Zu bezweifeln ist, ob andere Volksfeste in dieser Statistik besser abschneiden würden.

Wir können also zu dem Schluss kommen, dass Besuche in Stadien im statischen Mittel sicherer sind, als Besuche des Oktoberfestes. Wer aus Sicherheitsgründen nicht mehr ins Stadion gehen möchte, sollte auch Fahrten in den Urlaub  unterlassen und der gemeinsame Fahrradausflug mit der Familie müsste auch dringend hinterfragt werden.

Zu diesen “bestürzenden” Fakten werden wir allerdings aus triftigen Gründen sicherlich keine “neuen Sicherheitskonzepte” erwarten dürfen.
Bei Oktoberfestschlägereien ist ja auch kein Millionenpublikum anwesend, wie über die TV-Berichterstattung bei den Relegationsspielen der letzten Saison. In den Berichten zum Oktoberfest kommen diese Zahlen meist nur am Rande vor. Sie eignen sich höchstens einmal für die Boulevardmedien, wenn ein D-Promi in eine Schlägerei geraten ist. Ruft man sich jedoch die Berichterstattung über die letzte Saison und insbesondere die Live-Berichterstattung zu den Relegationsspielen in Erinnerung, dann bleibt doch der Eindruck haften, dass eine gewisse Sensationslust bei so manchem Reporter im Stadion oder im Sendezentrum durchaus auch eine Rolle gespielt haben dürfte, wie über diese Spiele und die “Nebengeräusche” berichtet wurde.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ja, es gibt Gewalt beim Fußball!
Ja, in der letzten Saison haben sich gerade in den letzten Spieltagen Vorfälle gehäuft, die kein echter Fußballfan wollen kann! Wir müssen da nicht um den heißen Brei herumreden. Aber wer lange genug „dabei“ ist, der weiß auch, dass Fans und Vereine untereinander viele Dinge selbst regeln können und eigentlich auch müssen. Dieser Mechanismus wird ihnen genommen durch politische Regelungswut, die stets viel Applaus bei denen findet, die in den letzten 30 Jahren kein Stadion von innen gesehen haben. Dass es anders gehen kann, kann man zum Beispiel an der deutlich gesunkenen Relevanz rassistischer Zwischenrufe sowie der noch bis weit in die 90er ganz offen auftretenden rechtsextremen Fans sehen.
Ursächlich für den Rückgang dürften wohl kaum die eher halbherzigen Anti-Rassismus-Kampagnen des DFB sein, die häufig über Lippenbekenntnisse und halbgare Medien-botschaften nicht hinausgingen.
Nein, dass v.a. auch bei uns in Nürnberg dieses Thema weit an die Ränder gedrückt wurde, ist eine Nebenwirkung einer Fankultur, die eine antirassistische Grundhaltung zur Maxime erklärt hat. Und letztlich kann die Sicherheit in Fußballstadien ebenfalls immer nur “garantiert” werden, wenn auch Gewalt und Ausschreitungen entsprechend durch uns Fußballfans aus den Stadien herausgehalten werden. Eine polizeiliche Überwachung kann dies grundsätzlich nicht leisten.

Der -auf den ersten Blick vielleicht logischen- Forderung, die Stadien “noch sicherer” zu machen stehen die modernsten, besten und mit hoher Wahrscheinlichkeit sichersten Stadien der Welt entgegen. Und die Enttäuschung könnte hinterher groß sein, dass sich die o.g. Zahl von 0,005% verletzten Stadiongängern (da ist übrigens z.B. auch das wundgeschlagene Knie am Vordersitz beim Torjubel dabei) einfach nicht noch mehr minimieren lässt. Ebenso wie man z.B. Schwimmbäder oder Freizeitparks eben nicht “noch sicherer” machen kann, ohne alle Besucher in Watte zu packen. Wen wundert es also, dass diverse Fanorganisationen darin eher die Vorstufe zu Horrorszenarien wie All-Seater-Stadien oder  Auswärts-fahrtverbote sehen, legitimiert durch den -von Grund auf verständlichen- Wunsch, dass ein Besuch im Stadion sicher sein muss?

Und ein kleiner Seitenhieb sei uns auch erlaubt. Von der Nichtverfolgung rechtsextremistischer Straftäter und Mörder, über Datenskandale, mangelnde Überwachung bis hin zur schlichten Schlamperei und zumindest interessanten Besetzungsentscheidungen, scheint der Minister derzeit eigentlich wichtigere Themen zu haben, als die Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen in Fußballstadien.

Sicherlich ist noch einmal festzustellen, dass Gewaltexzesse im Fußballstadion nichts zu suchen haben. Sicherlich ist ebenfalls festzustellen, dass die Vereine und die Fans in der Pflicht sind, hier entsprechend gegenzuwirken.

Dies erscheint aus unserer Sicht jedoch nicht nur wünschenswerter, sondern auch erfolgversprechender als vermehrte Polizeipräsenz, Strafverschärfungen oder was sonst alles in den letzten Monaten diskutiert wurde.

Es bleibt zu hoffen …

… dass die Pläne von Innenminister Friedrich dort landen, wo „wichtige Dokumente“  neuerdings gerne abgelegt werden: im Aktenvernichter.

… dass die Vereinsverantwortlichen den “Nürnberger Weg” einer besonnenen und dialogorientieren Fanarbeit nicht aufgrund populistischer Forderungen aus der Politik aufgeben. Auch wir als Mitglieder und Fans können und müssen unseren Teil dazu beitragen.

Und für uns alle hoffen wir auf eine schöne neue Fußballsaison, die sich um das Ding dreht, für das wir einen großen Teil unserer Freizeit aufwenden und das uns am Herzen liegt – Fußball, Fußball und nochmal Fußball!

 

Und just in dem Moment, da diese Bestandsaufnahme geschrieben wird, kommt die Meldung eines V-Mann-Anwerbeversuches in der Nürnberger Fanszene. Wegen einem vermeintlich gestohlenen  Stück Stoff wohlgemerkt.