Archiv für Februar, 2013

Auswärtsspiel in Frankfurt: Es liegt viel Arbeit vor uns…

13. Feb. 2013

Liebe Clubfans,

Ihr wisst, dass wir uns zu tagesaktuellen Dingen rund um den FCN nur recht selten äußern. Das Aufgabenfeld des BAC ist die Vereinsarbeit; unser Fokus liegt folglich auf langfristig angelegten Angelegenheiten. Aber die Ereignisse rund um das vergangene Auswärtsspiel in Frankfurt waren schlicht und ergreifend zu erschütternd, als dass wir hierzu schweigen könnten…

Stichwort Zaunfahne

Vereinsfahnen gibt es bereits seit Anbeginn des Fußballs Ende des 19. Jahrhunderts. Man wird wohl kaum ein historisches Foto von Zuschauerrängen finden, auf dem man keine Fahnen, Wimpel etc. entdecken könnte.

Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1924

Doch natürlich hat es auch in puncto Fahnen in den vergangenen Jahrzehnten (Weiter-)Entwicklungen geben: Die Zuschauerränge der Stadien wurden mit Zäunen begrenzt, die einen Anlass bzw. Platz für neue, größere Banner boten, und obendrein wurden die Fahnen immer kreativer, immer aufwendiger gestaltet, sodass die Banner einen ganz individuellen Charakter erhielten. Gerade die Entstehung der Ultraszene in Italien in den 60er/70er Jahren beförderte diese Tendenzen. Einen weiteren Schub erhielt die Entwicklung, als die Ultra-Bewegung Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland schwappte und die Zaunfahne grundlegendes Element der Außendarstellung der neuen Gruppen wurde. Doch natürlich ist die eigene Fahne nicht nur für die  Ultra-Bewegung von hoher Bedeutung – auch nahezu jeder Fanclub hat seine eigene Zaunfahne, die er bei Festen, auf Fotos und allen voran natürlich im Stadion voller Stolz präsentiert.

Die Zaunefahne des BAC vor Block 1b

Die Zaunfahne des BAC in der Nordkuve des MMS.

Die Zaunfahne ist heute ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil einer bunten und lebendigen Fankultur. Dass dies den Vereinen üblicherweise auch bewusst ist, erkennt man daran, dass es in (fast?) allen Stadien ausgewiesene Zaufahneplätze gibt.

Als die Eintracht uns Gästefans letzte Woche mitteilte, dass die Mitnahme von Fahnen nicht gestattet werden würde, entschloss sich ein großer Teil der aktiven Fanszene des 1. FC Nürnberg lieber auf einen Besuch des Stadioninneren als auf das Anbringen der Zaunfahnen zu verzichten. Eine ausführliche Stellungnahme findet ihr im YaBasta!-Blog (<klick>)

Eine Menge Fragen sind offen

Nachdem die Fans ihren Protest vergangenen Samstag zunächst friedlich vor den Stadiontoren artikulierten, kam es – wie allseits bekannt sein sollte (zusammenfassend <klick hier>) – Mitte der ersten Halbzeit zu massiven Auseinandersetzungen zwischen den anwesenden Fans, Ordnern und Polizeibeamten. Damit kein falscher Eindruck entsteht, wollen wir an dieser Stelle betonen, dass wir es natürlich nicht gutheißen, wenn sich Fans vermummen und Polizeibeamte mit “ACAB”-Rufen beleidigen und mit Gegenständen bewerfen! Aber es muss dennoch geklärt werden, was an diesem Nachmittag Ursache und was Wirkung war!

  • Warum wurde Pfefferspray derart großflächig in die Menge gesprüht, dass neben zahlloser unbeteiligter Fans auch Ordner und Polizisten durch den “Beschuss” der eigenen Leute in Mitleidenschaft gezogen wurden?
  • Wer hat die Nachricht zu verantworten, die besagt, dass die Fans Pfefferspray versprüht hätten?! Zur Erklärung: Die dpa verbreitete eine Mitteilung, in der folgender Satz zu lesen war: “Die Polizei habe Schlagstöcke eingesetzt, die Fans Pfefferspray.” Die Falschmeldung wurde von zahlreichen Medien im ganzen Land übernommen (bspw. Abendzeitung, FAZ, Nordsee-Zeitung…)
  • Warum wurde das Tor von den Ordnern geschlossen (Alle Anwesenden hatten bekanntlich gültige Eintrittskarten), obwohl die Fans FRIEDLICH Stimmung machten und von außen die Mannschaft unterstützten?
  • Warum wurde der am Mittag des Spieltags geäußerte Vorschlag der Polizeikräfte, die Zaunfahnen schlichtweg zu erlauben und so jede Brisanz aus der Angelegenheit zu nehmen, von den Verantwortlichen der SGE ignoriert?
  • Zu welcher Polizei- oder Ordnereinheit gehörte der “in Zivil gekleidete”  Schlägertrupp, der auf einmal auftauchte und eine Reihe verletzter Fans zu verantworten hat?
  • Wieviele leicht und schwer verletzte Fans gab es?
  • Warum wurde den Fans, die den Sonderzug nutzten und die sich durchgängig durch Polizeikräfte umzingelt sahen, von 10:00 Uhr morgens bis 22:30 Uhr abends die Möglichkeit verwehrt, Essen und Trinken zu erwerben? Die Situation war so katastrophal, dass Fans, die sich im Stadioninneren befanden, versuchten, mit Wasser gefüllte Becher an ihre Vereinskameraden außerhalb des Zauns weiterzugeben

Nachbetrachtung

Die Reaktionen auf die Ereignisse in Frankfurt waren vielfältig: Sie reichten von den üblichen Randale-Floskeln (dazu Bilder von singenden, klatschenden Fans) bis zu ‚Randale in Frankfurt – Auslöser das Sicherheitspersonal?‘. Wir haben eine kleine Auswahl zusammengestellt:

  • Beginnen wollen wir mit dem Reporter Martin Quast. Herr Quast, der sich in der ersten Halbzeit unter die außerhalb des Stadions stehenden Fans gemischt hatte, konnte bereits in der Halbzeitpause auf Liga Total berichten, dass alles solange friedlich geblieben war, bis die Polizeitruppen ein aggressives Verhalten an den Tag gelegt hatten.
  • Nach dem Spiel konnte man auf Nordbayern.de den Wortlaut einer Durchsage der Polizei nachlesen. Diese muss den Einsatz am Samstag vor dem Stadion folgendermaßen beendet haben: “Heute ist einiges durcheinandergekommen, wir hoffen, dass jetzt alle gesund nach Hause kommen“. Nicht nur, dass diese Aussage wenig souverän klingt, bedenklich ist insbesondere, dass – Augenzeugenberichten zufolge – die Polizeieinheiten, die den Sonderzug nach Nürnberg begleiteten, weiterhin gereizt und wenig kooperativ auftraten…
  • So erreichte uns gestern u. a. der Bericht eines Zugfahrers mit folgendem Inhalt: “[…] Das größte Problem auf der Fahrt war jedoch ein ganz anderes. Hunger und vor allem unerträglicher Durst. Wir hatten seit der Abfahrt morgens um halb 10 Uhr bis zur Ankunft in Nürnberg (Abends 22.30 Uhr) KEINERLEI Möglichkeit Essen oder Getränke zu erwerben und zu uns zu nehmen. Im Zug gab es nichts zu kaufen, auf dem Weg vom Zug zum Stadion wurden wir von der Polizei abgeschirmt und vor dem Stadion dann in den Kessel genommen, sodass auch hier keinerlei Möglichkeit bestand, etwas zu kaufen. Auf dem Rückweg zum Zug und auf der Heimfahrt das gleiche Spiel… Gerade die Unterversorgung mit Flüssigkeit hat dem ein oder anderen ganz schön zugesetzt.
  • Axel Hellmann, Vorstand von Eintracht Frankfurt, hatte hingegen eine… nunja… sehr eigene Sichtweise auf die traurigen Geschehnisse des vergangenen Samstags: „Es gab heute im Stadion keinen Einsatz von Pyrotechnik. Das ist ein Erfolg.“ Bedarf es weiterer Belege, wie sehr der Führung der SGE an diesen Tag – Pardon! – der Arsch auf Grundeis ging?!  Ja, wir können uns gar keinen größeren Erfolg vorstellen als 19 verletzte Polizisten, 2 verletzte Ordner und mehrere Dutzend verletzter Fans! Aber Hauptsache man konnte einen (imaginierten) Einsatz von Pyrotechnik im Stadion “verhindern“. Unfassbar!
  • Der offizielle Polizeibericht lässt all diejenigen, die sich am Samstag IM Stadion befanden, ebenfalls nur mit dem Kopf schütteln. Hier wird nämlich folgendes lobend hervorgehoben: „Die Fans der Eintracht reagierten übrigens gar nicht auf diese Geschehnisse sondern straften sie durch bewusste Ignoranz.“ So so, dann war wohl der mehrmals, von tausenden Anhängern in der Eintracht-Kurve angestimmte Schlachtruf  “Hass wie noch nie, All Cops Are Bastards, ACAB” Ausdruck bewussten Ignorierens?! Boris Rhein, hessischer Innenminister, pflichtete dem in der Pressemitteilung geäußerte Lob für die Eintracht-Anhänger übrigens bei:  ‚Mein Respekt gilt den Frankfurter Fans, die sich in keiner Weise von der rohen Gewalt der Gäste-Fans haben anstecken lassen.
  • Auch wenn seitens der Fanszene immer wieder die Berichterstattung der Presse bei Fan-spezifischen Themen kritisiert wird, muss man an dieser Stelle doch festhalten, dass in den letzten Tagen gleich mehrere Artikel erschienen, die die Rolle der Polizei in Hinblick auf die Ausschreitungen kritisch betrachteten: Spiegel-Autor Mike Glindmeier kam in seiner Untersuchung “Wenn zu viel Sicherheit zum Problem wird” beispielweise zum Ergebnis, dass die Ausschreitungen den klassischen Fall einer “selbsterfüllenden Prophezeiung” (siehe Wikipedia) darstellen würden: “ ‘Dass es draußen zu Gewalt kam, ist überhaupt nicht zu entschuldigen, ganz im Gegenteil’, [wird Martin Bader zitiert]. Zu entschuldigen vielleicht nicht, aber sicher zu erklären – wenn man es denn will.
  • Auch die Nürnberger Nachrichten bzw. die Nürnberger Zeitung beschäftigten sich mit den Vorfällen, wobei insbesondere der Kommentar von Gary Cunningham hervorzuheben ist. Der Autor, der selbst vor Ort war, geht in seinem Artikel ungewohnt hart mit den Verantwortlichen der Polizei und von Eintracht Frankfurt ins Gericht: “Grundlage für die meisten Medienberichte waren Berichte der Nachrichtenagenturen. Die wiederum bezogen ihre Informationen über die Vorfälle in der ersten Halbzeit unter anderem aus dem offiziellen Polizeibericht. 19 Beamte wurden demnach verletzt, auch durch den angeblichen Einsatz von Pfefferspray durch die Fans. Ordner und Beamte seien “massiv angegriffen“ worden. “Durch das besonnene aber konsequente Zusammenwirken aller eingesetzten Kräfte“ habe sich die Lage beruhigt. Davon, dass man das Geschehen, wenn man vor Ort war, auch ganz anders wahrnehmen konnte, ist nur vereinzelt zu lesen.” Und weitere, das Vorgehen der Polizei rechtfertigende Aussagen vom bereits erwähnten Eintracht-Vorstand Hellmann kommentiert er scharfzüngig: “Ja, es gab ein großes Aufgebot von Polizei und Ordnungskräften. Aber in der Gesamtbetrachtung scheint das notwendig gewesen zu sein“, sagte Vorstandsmitglied Axel Hellmann nach dem Spiel – und verdrehte dabei Ursache und Wirkung.”
  • Das Magazin 11Freunde wirft völlig zu recht die Frage auf „wieso […] den Beteiligten nicht klar [war], dass 500 Leute vor dem Stadion ein größeres Problem darstellen würden als Zaunfahnen im Fanblock?“ Dem Autor des Artikels, Andreas Bock, könnte man im Sinne von Axel Hellmann antworten: “Andi, altes Dummerchen, hast Du’s immer noch nicht verstanden? Und wenn die Leute vor den Stadiontoren mit Granaten aufeinander losgehen, alles scheißegal, Hauptsache IM Stadion gab’s keine  Püüüüüüüü-Ro!” Wenn’s nicht so traurig wäre, man könnte schallend lachen.
  • Ernsthaft: Ein großes Lob möchten wir den hier aufgeführten Journalisten aussprechen, die sich die Mühe gemacht haben, sich selbst ein Bild zu machen, statt per Strg+C und Strg+V den Polizeibericht bzw. die Agenturmeldungen zu übernehmen. So stellen wir uns Recherche vor!
  • Zu guter Letzt sei auch noch auf die Mitteilung des FCN hingewiesen: Wie diese zu werten ist, sei jedem selbst überlassen: “Vorkommnisse in Frankfurt: “Ein falsches Signal